Kurzroman

Kapitel 1


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Gegenwart

Amélie hetzt durch die nassen Strassen von Zürich. Ihr Blick stur auf den Boden gerichtet. Sie hat keine Zeit, sich um die ihr entgegenkommenden Passanten zu kümmern. Sie kommt zu spät zu ihrer Verabredung mit Stéphanie. Im Normalfall ist sie die Pünktlichkeit in Person. Im Büro hat sie die Zeit aus den Augen verloren. Nicht, dass sie gearbeitet hätte. Nein. Sie starrte Gedankenverloren auf ihren bereits ausgeschalteten Bildschirm und dachte an Leon. In letzter Zeit passierte ihr das wieder des Öfteren, dass ihre Gedanken zu Leon abdriften. Es ist jetzt genau zwei Jahre, drei Monate und achtzehn Tage her, als er sie verliess. Wenn man es genau nimmt, hat er sie nicht verlassen, sondern er wurde ihr einfach so genommen. Auf Nimmerwiedersehen.

Vergangenheit

Amélie und Leon. Leon und Amélie. Ein Traumpaar sondergleichen. Ihre Beziehung zueinander war schlicht und einfach perfekt. Sie waren seit dem zwölften Lebensjahr ein Paar. Sie sahen sich das erste Mal auf dem Pausenhof und es war sofort alles klar, als sie einander in die Augen blickten: Sie gehörten zusammen. Es tönt kitschig, schnulzig und wie nach einem Liebesroman von Nicholas Sparks. Dennoch. Es war einfach so – Punkt. Leon war dannzumal ein schlaksiger, hochgewachsener Junge mit einem wilden blonden Haarschopf. Ein Löwe. Amélie war um einiges kleiner als er und kämpfte mit leichtem Übergewicht, was sich in der Zwischenzeit geändert hat. Böse Zungen nannten die zwei „Dick und Doof“. Das war Leon und Amélie mehr als egal. Es scherte sie nicht, was andere von ihnen dachten. Sie verbrachten die Freizeit zusammen und taten alles, was des Teenagers Herz begehrte. Häufig wurden sie von Stéphanie, Amélies bester Freundin und deren wechselnden Freunden, begleitet. Sie durften eine schöne und unbeschwerte Jugendzeit geniessen.

Leons und Amélies Eltern hatten nichts gegen diese Freundschaft einzuwenden. Sie fanden es schön, haben sie sich gefunden, da beides Einzelkinder sind. Amélies Eltern sind in der Zwischenzeit in die Bretagne ausgewandert. In den Heimatort ihrer Mutter. Amélie hat nur noch einmal im Monat telefonischen Kontakt zu ihren Eltern. Die Beziehung ist kühl und distanziert. Leon verlor seinen Vater schon sehr früh aufgrund eines Herzinfarktes. Er lebte mit seiner Mutter alleine in einer gepflegten aber kleinen Wohnung ein wenig ausserhalb des Dorfes, in dem Amélie und Leon aufwuchsen. Leon brach den Kontakt zur Mutter im Alter von zwanzig Jahren ab, nachdem sie einen neuen Mann kennenlernte, der sich mit Leon nicht verstanden hat. Das ist die Untertreibung des Jahres: Sie hassten sich schlichtweg. Er trank zu viel und nahm Leons Mutter finanziell aus wie eine Weihnachtsgans. Leon versuchte vergebens seiner Mutter die Augen zu öffnen. Und als er sie vor die Entscheidung stellte „Er oder Ihn“, hat sie sich für ihn entschieden. Leon litt unter diesem Bruch. Zum Glück hatte er Amélie, die ihm zur Seite stand.

Aus der kindlichen Zuneigung und Freundschaft wurde eine tiefe Liebe. Mit vierzehn haben sich Amélie und Leon das erste Mal geküsst. Sie hatten beide vorher noch nie diese Erfahrung gemacht. Der Kuss war aufregend, sanft und voller Liebe. Als sich ihre Lippen voneinander lösten, waren sie verlegen und wurden rot wie eine Tomate. Damit das peinliche Schweigen sich in Luft auflöste, haben sie sich dann einfach eine Zeit lang weiter geküsst. Amélie muss heute noch lachen, wenn sie sich an diese Episode zurück erinnert. Sie waren beide so naiv und unerfahren. Das Schöne war, dass sie sich zusammen weiterentwickeln konnten; und wie sie sich weiterentwickelten. Es war eine umwerfende Zeit im Leben von Leon und Amélie. Sie erkundeten zusammen ihre Sexualität bis sie dann mit sechzehn das erste Mal mit einander schliefen. Es war mehr als miteinander schlafen; es war eindeutig Liebe machen. Nicht nur ihre Körper wurden zusammengeschweisst, sondern auch ihre Seelen. Sie waren Seelenverwandte. Der Akt an und für sich war zwar nicht von langer Dauer, aber dennoch spürten die beiden die tiefe Verbundenheit. Dieses Gefühl hat sich bis zum Schluss nie verändert. Sie liebten den befriedigenden Sex miteinander und frönten ihm auch regelmässig.

Passender Song zu diesem Kapitel.

 

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