Allgemeines, Fortsetzung folgt

Kapitel 4


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Stéphanie wartet ungeduldig, mit den Fingern auf den Tisch klopfend, an ihrem Stammplatz, als Amélie atemlos ins Pub hereinstürmt. Ohne nach links und rechts zu blicken marschiert sie zu Stéphanies Tisch und lässt sich stöhnend auf die Sitzbank plumpsen. Stéphanie bedacht sie mit einem grimmigen Blick.

„35 Minuten zu spät! Was soll der Scheiss?“
„Zuerst mal Hi!“
„Okay. Hi!“
„Es tut mir leid. Ich hatte heute meinen Bürotag und ich kam nicht weg. Es hat sich in der letzten Woche gigantisch viel angehäuft. Du kannst dir das gar nicht vorstellen.“, gibt Amélie mit leichtem Erröten zur Antwort. Stéphanie mustert sie skeptisch. „Ich glaube dir kein Wort. Du warst wieder in der Vergangenheit und hast die Zeit aus den Augen verloren. Stimmt’s oder habe ich recht?“. Verdammter Mist! Muss sie Amélie so gut kennen. Amélie blickt Stéphanie schuldbewusst an. „Ha! Wusste ich es doch!“, triumphiert diese und streckt theatralisch die Faust in die Höhe. Das Siegerlächeln erlischt aber sogleich wieder auf ihrem Gesicht, als sie sieht, wie sich Tränen in den Augen von Amélie sammeln. „Komm! Trinken wir ein Pint Guinness! Du bezahlst! Schliesslich musste ich deinen Platz verteidigen wie eine Löwin.“

Amélie nickt, steht auf, geht zum Tresen und gibt die Bestellung auf. Als sie zurück zum Tisch kommt, wird sie von Stéphanie eingehend gemustert. „Was ist?“ fragt Amélie, als sie sich wieder zu ihr hinsetzt.

„Hör zu Amélie! Ich weiss, dass du Leon vermisst. Das tue ich auch. Er war schliesslich auch ein sehr guter Freund von mir“. Da sie seit Leons Tod  immer für Amélie da sein musste, konnte Stéphanie selber gar nicht richtig um Leon trauern und von ihm Abschied nehmen. Sie war und ist die starke Schulter, an der sich Amélie ausheulen kann. „Du musst aber unbedingt wieder zurück in dein Leben finden. So kann es nicht weiter gehen. Du lebst nicht mehr. Als Leon starb, bist du mit ihm gestorben. Du bist zwar noch hier, aber du bist nur noch der Schatten deiner selbst.“

Dieses Gespräch stand schon lange an. Viel zu lange. Stéphanie konnte sich bisher einfach nicht überwinden, Tacheles zu sprechen, da sie grosse Angst hat, dass sie Amélie tief verletzen könnte. Sie kann diesem Trauerspiel aber nicht mehr zuschauen. Amélie war immer eine fröhliche und unbeschwerte junge Frau, die mit Stéphanie zusammen durch dick und dünn ging. Dieses Leuchten und die Lebensfreude, die Amélie umgaben, sind seit dem, als die Ärzte bei Leon alle Hoffnung auf Heilung aufgaben, verschwunden. „Vielleicht ist es egoistisch von mir. Aber ich möchte wieder meine „alte“ Freundin Amélie zurück haben.“

Amélie betrachtet Stéphanie lange ohne etwas zu erwidern und nimmt einen grossen Schluck von ihrem Guinness. Tief atmet sie ein und erwidert mit einem schneidenden Ton: „Die „alte“ Amélie gibt es nicht mehr, wie du richtigerweise festgestellt hast. Sie wird es auch nie mehr geben. Finde dich damit ab oder lass es bleiben!“ Amélie bebte bei ihren Worten vor unterdrückter Wut. Sie hat überhaupt keine Lust, sich bei Stéphanie erklären zu müssen. Sie leidet. Sie vermisst. Sie trauert.

„Weisst du was ich glaube, Amélie? Ich glaube, du willst gar nicht aus deinem Jammertal herausgeholt werden. Du brauchst diesen Schmerz. Du willst nicht neu starten. Du willst das Leben nicht weiterleben. Du hattest Träume, du hattest Ziele. Wo sind diese hin? Hast du die zusammen mit Leon begraben? Glaubst du wirklich, Leon würde es gefallen, wie du dein Leben ohne ihn lebst? Was sage ich. Du lebst ja gar nicht. Du vegetierst vor dich hin. Ich sag‘ dir was: Leon hätte das nicht gewollt. Wenn er dich jetzt sehen könnte, wäre er enttäuscht von dir, dass du dich so gehen lässt.“ Stéphanies Stimme wird bei jedem Satz lauter und giftiger. Ungewollt. Sie redet sich in Rage und kann gar nicht damit aufhören. Zu lange hat sich der Frust bei ihr aufgestaut.

Amélies Mine versteinert sich immer mehr und mehr und ihre Hände ballen sich zu Fäusten. Wie kann es Stéphanie wagen. Ihre beste Freundin schiesst ihr in den Rücken. Vor Wut laufen Amélie Tränen über ihre Wangen. Keinen Ton bringt sie mehr über ihre Lippen. Ihre Gedanken laufen Amok. Sie steht auf, greift nach ihrer Jacke und stürmt so schnell wie sie gekommen ist, wieder aus dem Pub, ohne einen Blick zurück zu werfen.

Der passende Song zu diesem Kapitel.

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