Kurzroman

Kapitel 5


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Der Regen setzt wieder ein. Amélie spürt die Nässe nicht, die langsam durch ihre Kleidung dringt. Mit stoischem Blick, ohne richtig die die Umgebung wahrzunehmen, irrt sie umher, bis sie sich vor den Toren des städtischen Friedhofs wieder findet. Immer, wenn ihr die Situation über den Kopf wächst, besucht sie Leon. Ihren Anker, ihr zu Hause.

Keine Menschenseele ist auf dem Friedhof zu sehen. Amélie bewegt sich zielsicher zum Urnengrab von Leon. Tief atmet sie ein und aus. Vor seinem Grab steht sie nun. Die Hände in den Jackentaschen vergraben. „Verdammt, Leon! Du solltest nicht hier sein! Ich brauche dich doch so sehr.“ Mit tränenerstickter Stimme spricht Amélie laut aus, was sie jede freie Minute denkt. „Stéphanie meint, dass du nicht stolz wärst, wenn du mich jetzt sehen könntest. Dass du nicht gewollt hättest, dass ich so lange um dich traure. Stimmt das? Leon! Bitte sprich mit mir!“ Ihre Faust kracht auf die kalte Urnenwand. Stille. Nur die Regentropfen, die auf die Bäume prasseln sind zu hören. „Komm zurück! Ich möchte dich doch nur noch einmal in meinen Armen halten, dich noch einmal spüren, dich für immer lieben. Verdammt!“ Amélie dreht sich mit dem Rücken zur Wand und lässt sich daran auf den Boden sinken. Die Kälte um sie herum nimmt sie nicht war.

So tief ist sie nun gesunken. Am Freitagabend bei Regen auf dem Friedhof sitzend, in Selbstmitleid suhlend. Hat Stéphanie am Ende doch recht? Hat sie sich seit Leons Tod wirklich gehen lassen? Braucht sie den Schmerz am Ende um festzustellen, dass sie noch irgend etwas fühlen kann? Amélie zieht ihre Beine an ihren Körper, umfasst mit ihren Armen die Knie, lehnt ihren Kopf an die Wand und schliesst ihre Augen. In ihrem Kopf herrscht das reine Chaos. Keinen klaren Gedanken kann sie mehr fassen. Alles scheint so verworren und aussichtslos. Sie ist kraftlos. Sie kann nicht mehr.

„Amélie? Amélie!“ Wie durch einen dichten Schleier dringt die Stimme von Stéphanie zu ihr durch. Amélie öffnet ihre von Tränen geröteten Augen. Vor ihr kniet Stéphanie, die sie mit besorgtem Blick mustert. „Amélie. Du erkältest dich doch. Komm! Steh auf! Ich bringe dich nach Hause.“ Stéphanie erhebt sich und reicht Amélie die Hand. Diese nimmt sie dankbar an und lässt sich auf die Beine helfen. Die Kälte und Feuchte hat sich durch ihre Kleidung in ihre Glieder geschlichen. Ohne Worte gehen die beiden Freundinnen nebeneinander her. Stéphanie bringt Amélie in deren Wohnung. Sie hilft ihr aus den nassen Kleidern und lässt ihr ein warmes Bad ein. Während Amélie die wohlige Wärme des Wassers um ihren Körper spürt und den zarten Duft des Badezusatzes einatmet, setzt Stéphanie in der Küche einen Tee auf.

Amélies Wohnung sieht noch immer identisch aus, wie am Tag, als Leon ging. Selbst an der Garderobe sind Leons Jacken aufgehängt. Auf dem Couchtisch liegt Leons Tagebuch, welches er während seiner Krankheit führte. Auch Leons Medikamente stapeln sich in der Küche, als würde er gleich zur Türe herein kommen und sich daran bedienen. Der Kleiderschrank im Schlafzimmer ist ebenfalls noch mit Leons Sachen gefüllt. Sein Schlafanzug, welcher er bei seinem letzten Atemzug trug, liegt auf seiner Seite des Bettes. Amélie hat ihn nie gewaschen. Jedes Mal wenn sie das Bett mit frischem Laken und Bettwäsche bezieht, faltet sie Leons Schlafanzug sorgfältig zusammen und legt ihn auf seiner Seite ab.

Stéphanie schaut sich um und seufzt. Sie war schon lange nicht mehr in Amélies Wohnung. Sie trafen sich meistens in ihrem Stammlokal. Hätte sie gewusst, dass es hier noch genau so aussieht wie vor Leons Tod, hätte sie ihre Ansprache heute nicht so hart ausfallen lassen, sondern wäre diplomatischer vorgegangen. Als Amélie das Pub verlassen hat, wusste Stéphanie genau, dass sie zu Leon ging. Sie wollte ihr ein wenig Vorsprung lassen, damit sie sich wieder sammeln kann. Als sie dann Amélie in diesem lethargischen Zustand vorfand, beschimpfte sie sich innerlich über ihre fehlende Sensibilität.

Stéphanie hilft Amélie aus der Wanne und trocknet sie ab. Amélie klammert sich an sie, als wäre sie der einzige Halt, den sie noch hat. Amélie zieht sich einen flauschigen und wärmenden Bademantel an und geht mit Stéphanie ins Wohnzimmer, wo der Tee auf sie wartet. Noch immer fällt zwischen ihnen kein Wort.

Der passende Song zu diesem Kapitel.

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