Allgemeines, Kurzroman

Kapitel 6


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Die angenehme Stille tut Amélie gut und sie kommt zur Ruhe. Sie schämt sich für ihr Verhalten und ihren Zusammenbruch. Stéphanie mustert Amélie, wartet ab bis ihre Freundin so weit ist, zu sprechen. Amélie räuspert sich. „Es tut mir Leid, Steph. Ich hätte mich nicht so hinreissen lassen dürfen. Ich weiss, dass du es nur gut meinst und mir nur helfen willst. Langsam aber sicher glaube ich, mir ist nicht mehr zu helfen.“ Amélie senkt ihren Blick und betrachtet ihre Teetasse.

„Sieh dich doch mal hier um, Amélie! Du lebst in einem Mausoleum. Man könnte meinen, dass Leon in den nächsten paar Minuten ins Zimmer kommt. Du hast nichts verändert. Alles um dich herum erinnert dich an ihn. Kein Wunder, kannst du dich nicht lösen. Und das meine ich nicht böse. Bitte glaube mir! Ich möchte nur das Beste für dich. Du hast es dir verdient. Kein Mensch sollte seine grosse Liebe so früh gehen lassen müssen.“ Stéphanie atmet tief ein und hätte am liebsten weiter referiert. So viel hat sie noch auf dem Herzen. Sie weiss aber, dass sie Amélie nicht weiter unter Druck setzen kann. Sonst geht diese noch ganz unter.

Amélie trinkt einen Schluck Tee und sammelt sich. Sie weiss, dass Stéphanie recht hat. Sie ist sich dessen bewusst, dass sie die Hinterlassenschaften von Leon wegräumen muss, wenn sie wieder in ihr Leben zurück finden will. Es tut ihr nur so wahnsinnig weh. „Ich weiss auch nicht… Wenn ich die Sachen wegräumen ist es so endgültig. Es gibt dann kein zurück mehr. Ich weiss schon, dass Leon weg ist und nie wieder zurück kommt. Dennoch… Steph! Bitte hilf mir! Ich schaffe das nicht ohne dich.“ Wieder kullern ihr die Tränen über die Wangen. Man müsste meinen, dass sie keine Tränen mehr produzieren kann, so viel wie sie in den letzten gut zwei Jahren geweint hat. Aber es verging noch kein Tag, an dem sie nicht um Leon Tränen vergossen hat. Wenn sie es genau betrachtet, hat sie auch um sich geweint. Ihr wurde Leon genommen und mit ihm ihr Leben, das sie leben wollte.

„Weisst du was, Amélie? Ich habe die Idee! Am Sonntag werden wir hier so richtig aufräumen und Leons Sachen einpacken. Wir werden uns Pizza bestellen, Rotwein trinken, Musik hören. Ein richtiger Mädelstag. Was meinst du dazu?“ Stéphanie blick Amélie euphorisch an, in der Hoffnung, dass diese mitmachen wird. Stéphanie war schon immer sehr begeisterungsfähig und sie versteht es, Amélie aus ihrer Lethargie zu holen.

„Ja. Das machen wir“, gibt Amélie emotionslos zur Antwort. Nicht sicher, ob sie es wirklich durchziehen will. Der Gedanke, dass nur noch ihre Jacke an der Garderobe hängt, nur noch ihr Schlafanzug im Bett sein wird, nur noch ihre Kleidung im Schrank vorzufinden ist, behagt ihr nicht und schmerzt sie bis in ihr tiefes Innere. Leon ist Tot. Seine irdischen Besitztümer ändern nichts an dieser Tatsache. Trotzdem. Amélie hat das Gefühl, ihn zu verraten. In ihr nagt die Angst, dass sie ihn vergessen könnte, dass sie vergessen könnte, wie er roch, wie er lachte, wie er sprach, wie er seine Stirne in Falten legen konnte, wenn er sich konzentrierte, wie er sie küsste, wie er sie in den Armen hielt, nachdem sie sich geliebt hatten. All das. Seine ständige Präsenz, verkörpert durch seine Kleidung, seine Medikamente, sein Rasierapparat, lässt Amélie nicht vergessen. Sie kann nicht abschliessen.

Stéphanie beobachtet Amélie und sie sieht ihr an, dass es hinter ihrer Fassade arbeitet. „Du wirst Leon deswegen nicht vergessen, Amélie. Er wird für immer ein Teil deines Lebens sein. Jetzt schaust du mit grossen Schmerzen auf die Zeit, die ihr zusammen hattet, zurück. Das Ziel sollte es jedoch sein, dass du dich mit Freude und mit Liebe zurück erinnern kannst. Verstehst du?“ Amélie lässt die Worte ihrer Freundin setzen und nickt. Stéphanie hat recht.

Als Stéphanie nach Hause ging und sich von Amélie verabschiedete, fühlt sich diese so hoffnungsvoll, wie schon lange nicht mehr. Ja. Am Sonntag wird geräumt.

Der passende Song zu diesem Kapitel.

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