Allgemeines, Kurzroman

Kapitel 7


Schlagwort: , , , , , , , .

Amélie schläft so gut wie schon lange nicht mehr. Sie fühlt sich beim Erwachen richtig ausgeruht. Den Samstag verbringt sie mit einkaufen, insbesondere von Kartonschachteln für das Einpacken von Leons Sachen. Am Abend bleibt sie zu Hause. Bei einem Glas Rotwein und selbstgemachter Lasagne, versucht sie sich zu entspannen. Das Gefühl, am anderen Tag das Richtige zu tun, wird immer löchriger. Kurz bevor sie ins Bett geht, ist sie versucht, Stéphanie zu telefonieren, um die Räumungsaktion abzublasen. Bevor sie die Nummer wählt, legt sie das Telefon wieder zur Seite. Es ist richtig, Leons Sachen wegzu räumen. Mit diesem Gedanken, den sie sich wieder und wieder wie ein Mantra vor Augen führt, schläft sie schliesslich ein.

Nach dem obligaten Kaffee am Morgen klingelt auch schon Stéphanie an der Haustüre. Amélie atmet tief ein und aus und öffnet ihrer Freundin. Diese steht mit einem strahlenden Lächeln, das der Sonne durchaus Konkurrenz machen könnte, vor ihr. Unter dem Arm trägt sie eine Papiertüte, aus der der verdächtige Geruch nach frischen Brötchen dringt. „Hallo, meine Schöne!“, begrüsst Stéphanie Amélie überschwänglich und dräng sich an dieser vorbei, direkt in die Küche. „Ich dachte mir, dass du noch nichts gegessen hast und dir sicherlich erst literweise Kaffee hinter die Binden gekippt hast. Darum – tadaaa! – ein paar Brötchen. Konfitüre und Butter hast du sicherlich irgendwo in deinem verstaubten Haushalt.“

Amélie lächelt Stéphanie dankbar an und reicht ihr Teller, Messer, Konfitüre und Butter. In getrauter Zweisamkeit frühstücken die beiden. Stéphanie berichtet Amélie ausgiebig über die Eroberung von letzter Nacht. „Dieser Typ war ja so etwas von heiss. Als ich ihn dort an der Bar sitzen sah, wusste ich sofort, dass ich nicht alleine die Nacht verbringen muss.“ Stéphanie zwinkert Amélie zu, die nur die Augen verdreht. Stéphanie liess noch nie etwas anbrennen. Wenn ihr ein Mann gefiel, kriegte sie diesen in der Regel auch. Sie hatte bis dato noch keine längere Beziehung, die über ein paar Nächte hinausging. Stéphanie geniesst das Leben und lässt sich nicht binden. „Und?“, fragte Amélie, „hat es sich wenigstens gelohnt, ihn mit nach Hause zu nehmen? An deinem Strahlen an, denke ich schon.“ Stéphanie grinst. „Er war wirklich nicht nur heiss anzusehen, sondern er war auch heiss, bei dem was er tat, und er wusste, was er tat.“

„Verschone mich bitte mit den Details. Ich kann es mir in etwa vorstellen.“ Stéphanie mustert Amélie mit einem süffisanten Lächeln. „Kannst du dir das wirklich vorstellen? Wann hattest du das letzte Mal Spass mit einem Mann im Bett? Wann konntest du dich so richtig bei einem Mann fallen lassen?“ „Das weisst du ganz genau!“ erwidert Amélie schärfer als beabsichtigt. Stéphanie scheint dies nicht zu stören und beisst selbstzufrieden in ihr Brötchen. „Lassen wir das, Steph! Beginnen wir lieber mit unserer Räumungsaktion bevor ich mir es noch anders überlege.“

Nach dem Frühstück und dem Abwasch holt Amélie die Kartonschachteln. „Wo wollen wir beginnen?“, fragt Stéphanie. Amélie zuckt mit ihren Schultern. „Was weiss ich. Im Bad vielleicht? Dann weiter im Wohnzimmer?“ „Okay.“, erwidert Stéphanie. Nimmt eine Schachtel und verschwindet im Bad. Amélie trottet ihr nicht sehr enthusiastisch nach. Schweigend packen sie alles zusammen, was einmal Leon gehörte. Amélie muss sich zusammenreissen, damit sie die Sachen in die Schachteln legen kann. Es fällt ihr schwer. Manchmal hat sie das Gefühl, dass ein riesiges Band ihr Herz und ihre Lunge zerquetscht. Sie hat Mühe mit dem Atmen, und ihr Puls geht unregelmässig. Stéphanie beachtet sie nicht gross und räumt weiter Leons Sachen in die Schachtel. Danach machen die zwei weiter im Wohnzimmer. Es wird nicht leichter für Amélie. Sie muss eine Pause machen. Zusammen mit Stéphanie verlässt sie die Wohnung, um kurz den Kopf freizuschaufeln.

Als es langsam dunkel wird, beschliesst Amélie eine Pizza bei einem Lieferanten in der Nähe zu bestellen. Beim Nachtessen fallen nicht viele Worte. Beide Frauen sind mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Zum Schluss nehmen sie sich das Schlafzimmer vor. Amélie muss nochmals alle ihre Kräfte sammeln. Langsam beginnt sie den Kleiderschrank zu räumen. Ab und zu fällt eine Träne von ihr auf Leons Kleidung. Als Amélie einen uralten Pullover, den Leon seit Jahren nicht mehr getragen hatte, aus der Schublade nimmt, fällt ein Brief auf den Boden. Amélie bückt sich und hebt den Brief auf. Die Schrift auf dem Umschlag kennt sie. Es ist jene von Stéphanie. Was macht ein Brief von Stéphanie in einem Pullover von Leon? Amélie ist froh, ist Stéphanie nicht im Zimmer, sondern auf der Toilette. Sie setzt sich auf das Bett, nimmt den Brief aus dem Umschlag und beginnt zu lesen.

Ihr stockt der Atem. Tränen laufen ihr über das Gesicht. Immer und immer wieder liest sie die Zeilen und kann nicht fassen, was da steht. In Stéphanies Schrift. Mit deren Worten.  Schmerz, Trauer, Unglaube, Wut. Sämtliche Emotionen brechen über Amélie ein. Als Stéphanie lächelnd ins Zimmer zurückkehrt und Amélie mit dem Brief in der Hand, den sie sofort wieder erkennt, auf dem Bett sitzen sieht, gefriert ihr Lächeln, und Panik macht sich in ihr breit. „Amélie! Bitte! Hör mir zu! Es…“, beginnt sie zu sprechen, bevor sie jäh von Amélie unterbrochen wird. „Sprich nicht weiter! Du Lügnerin! Du Verräterin! Du, du, du…  verdammte Hure! Raus hier! Verschwinde sofort und komm nie wieder zurück! Ich hasse dich! Ich hasse dich!“ Amélie steht auf und geht drohend auf Stéphanie zu. Bevor sich Stéphanie versieht, wird sie von Amélie angespuckt. Mitten ins Gesicht. Stéphanie dreht sich um und verlässt mit eiligen Schritten die Wohnung. Tränen laufen ihr über das Gesicht und vermischen sich mit der Spucke von Amélie.

Sie hat es verdient.

Der passenden Song zu diesem Kapitel.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s