Allgemeines, Kurzroman

One-Night-Stand (Part 8 / Michael)


Als Michael am Abend nach Hause kommt, hat seine Laune einen noch nie dagewesenen Tiefpunkt erreicht. Wütend schlägt er hinter sich die Türe ins Schloss. Er streift seine Schuhe ab und katapultiert diese mit Schwung in die nächstbeste Ecke. Unterwegs zur Küche zieht er seine Krawatte aus und lässt sie mit samt seinem Sakko auf den Boden gleiten. Er öffnet den Kühlschrank, greift nach einer Bierdose, setzt sie an und trinkt einen grossen Schluck. Ah! Das tut gut. Sein Ärger ist zwar noch da, aber das kühle Bier hat das Feuer ein wenig eingedämmt. Was für ein Tag. Gedankenverloren starrt er aus dem Fenster. Dunkle Wolken liegen über der Stadt, und es nieselt. Genau das passende Wetter zu seiner Stimmung. Rein gar nichts ist heute so gelaufen, wie er wollte. Zuerst die Begegnung mit Monika, die ihm den Boden unter den Füssen weggezogen hat. Dann das Zusammentreffen in seinem Büro. Er hat gesehen, wie die Lust in ihr aufgelodert ist, als sie in sein Reich trat. Es ging ihm ja genau gleich. Was hätte er nicht alles für eine Berührung, einen Hauch von ihr gegeben. Aber nein. Er musste ja das Arschloch spielen. Am liebsten hätte er sich gleich nach seiner fiesen Retourkutsche geohrfeigt. Ihr Blick hat dies übernommen. Er sah in ihren Augen Verletzung und Enttäuschung. Das konnte er ihr nicht verübeln.
Gut. Eigentlich wollte sie es doch vergessen. Er hat es nur noch bestätigt, dass das definitiv in seinem Sinn ist. Wenn er es genau nahm, war es ihre Schuld, dass er so reagiert hat. Was hat sie erwartet? Diese Frau brachte ihn um seinen Verstand. Er rauft sich die Haare und gönnt sich einen weiteren grossen Schluck aus der Dose.

Und dann das Mittagessen: Das war für ihn zu viel des Guten. Sie gingen zum Lieblingsitaliener seines Chefs. Das Lokal ist klein, die Bestuhlung eng und er musste sich natürlich direkt neben Monika platzieren. Ihr Geruch, ihre Präsenz hüllten ihn ein und immer wieder kam es ungewollten Berührungen. Ganz ehrlich: So ungewollt waren sie von seiner Seite her nicht. Er musste sie immer wieder berühren. Es war wie ein Zwang, dem er nichts entgegenhalten konnte oder wollte. Aber das Schlimmste am ganzen Essen war der Kellner. Michael hätte ihn am liebsten verprügelt. Der Kellner flirtete doch tatsächlich mit Monika. Mit seiner Monika, vor seinen Augen. Und wäre das nicht genug, sie flirtete ganz offensichtlich und unverhohlen zurück. Das war ja wohl der Gipfel der absoluten Frechheit! So ein unprofessionelles Gebaren war ihm noch nie unter gekommen. Diese Frau hatte schlichtweg keinen Stil. Was hat sie sich bloss dabei gedacht? Wollte sie ihn eifersüchtig machen? Wenn ja, das ist ihr definitiv nicht gelungen. Er und eifersüchtig. Pah! Was bildete sich dieses Weibsbild eigentlich ein? Seine Bierdose ist leer. Wirklich viel gebracht hat ihm das Inhalieren des Bieres nicht. Er drückt die Dose zusammen, wirft sie in hohem Bogen ins Spülbecken und schnappt sich eine neue aus dem Kühlschrank.

Sie hat den Kellner doch tatsächlich angelächelt. Genauso wie sie ihn angelächelt hatte am letzten Freitag, bevor sie in seine Wohnung gingen. Hätte Monika nicht wieder ins Büro gehen müssen, wäre sie wahrscheinlich mit dem Kellner abgerauscht. Sie hat auf jeden Fall den ganzen Nachmittag, als sie zusammen diverse Abläufe und Pendenzen durchgegangen sind, vor sich hin gelächelt. Nicht wegen ihm, obwohl er versucht hat, ihr Interesse wieder auf sich zu lenken. Nein. Sie war einfach distanziert freundlich und tat ausserordentlich interessiert, wenn er ihr etwas erklärte. Mit ihren Gedanken war sie aber woanders. Das spürte er genau. Bei der Zusammenarbeit fiel ihm etwas Neues an Monika auf: Sie war nicht nur sehr attraktiv, sondern auch intelligent. Eine Kombination, die in seinen Augen an Seltenheit kaum zu überbieten ist.

Will er Monika näher kennen lernen? Will er Monika in sein Leben lassen? Nach langem gedanklichen hin und her fasst Michael seinen Entschluss: Er will sie. Er will sie so sehr wieder in seinem Bett haben. Sie nochmals spüren. Ein „Mehr“ kommt für ihn dennoch nicht in Frage. Seine Freiheit ist ihm zu wichtig. Es wird nur noch eine zweite und gleichzeitig letzte Nacht geben. Die sexuelle Anziehungskraft wird danach sicherlich Geschichte sein und er kann das Kapitel Monika abschliessen und weiter ziehen. Sie werden beide merken, dass da nicht mehr daraus werden kann. Sie werden merken, dass der atemberaubende Sex nur beim ersten Mal so absolut befriedigend war. Sie werden merken, dass die körperliche Begierde gestillt sein wird. Er ist überzeugt, dass das die einzige Lösung ist, aus dieser Situation heraus zu kommen. Jetzt muss er nur noch Monika davon überzeugen. Das macht ihm wenig Sorgen. Sie wird die Notwendigkeit dieser zweiten und letzten Nacht einsehen. Das wird sie garantiert.

Irgendwie passend zu diesem Kapitel…

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