Fortsetzung folgt, Kurzgeschichte

Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Teil 1: Das Kondom


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„Hast du ein Kondom?“

Es ist, als hätte sie ihm ein Kübel Eiswasser über den Kopf geleert. Eine unerotischere Frage hätte sie ihm zu diesem Zeitpunkt nicht stellen können. Er schaut sie aus zusammengekniffenen Augen an und was er erblickt, lässt ihn die Frage schon beinahe wieder vergessen: Sie sieht so schön aus unter ihm. Ihre Lippen sind rot und vom Küssen leicht geschwollen. Ihre Augen sind halb geschlossen, ihre Wangen gerötet und ihr kurzes, schwarzes Haar zerzaust. Sie strahlt pure Lust aus. Dennoch konnte sie diese ernüchternde Frage stellen.

Es dämmert ihm: „Oh, nein. Scheisse. Habe ich nicht. Nimmst du nicht die Pille?“ Sein Tonfall ist genervt und wirkt leicht zickig, was gar nicht zu ihm passt. Sie schaut ihn mit ihren dunklen brauen Augen an, verdreht diese und schnaubt. „Nein. Die nehme ich nicht. Ausserdem schützt die Pille auch nicht vor Geschlechtskrankheiten.“ Wieder verdreht sie ihre Augen, was er eigentlich gar nicht ausstehen kann, aber bei ihr wirkt es süss. Wie alles an ihr.

„Vertraust du mir nicht“?“ Er wirkt gekränkt. Denkt sie wirklich, dass er nicht sauber ist? „Das hat nichts mit Vertrauen zu tun, du Idiot.“ Hat sie ihn tatsächlich als einen Idioten betitelt? Sie beginnt sich unter ihm zu wegzudrehen. Wenn ihm nicht bald etwas einfällt, ist sie weg. Idiot hin oder her. Er möchte mehr als alles andere, dass sie bleibt. „Sorry. So meinte ich es nicht. Ich bin wirklich sauber. Ehrlich. Ich mache es sonst nie ohne Kondom.“ Sein Gestammel hört sich in seinen Ohren weinerlich und verzweifelt an. Er verflucht sich innerlich. Sie schaut ihn skeptisch an, bewegt sich aber nicht weiter, was sich für ihn wie ein kleiner Sieg anfühlt.

„Es ist mir egal, was du sonst tust. Ich mache es jedenfalls nicht ohne Kondom. Was machen wir jetzt?“ fragt sie ihn und räkelt sich und seine Lust wieder wieder von neuem entfacht.

Er stöhnt und lässt seinen Kopf in den Nacken fallen. Wieso bloss hat er seinen Kondomvorrat, als er das letzte benutzt hat, nicht aufgefüllt? Wieso nur? Er wusste ja schliesslich, dass es nicht lange dauern wird, bis er wieder einen One-Night-Stand in seinem Bett hat. Anbrennen lässt er nämlich nichts. Auch mit seinen 30 Jahren hat er kein Bedürfnis, sich zu binden. Eine Nacht und das war’s. Mehr liegt nicht drin. Er könnte diese Frau auch einfach gehen lassen und sich morgen, nachdem er Kondome gekauft hat, einen neuen Zeitvertreib suchen. Das könnte er. Aber irgendwas in seinem Innern will, dass sie bleibt. Es ist nicht nur ihre äussere, natürliche Erscheinung, die es ihm heute Abend angetan hat. Nein. Sie ist witzig, intelligent und nicht auf den Mund gefallen. Selten hat er einen Abend mit einer an und für sich fremden Frau genossen, wie heute. Sie hat Biss und Humor. Genau das gefällt ihm an ihr. Sie ist keine klassische Schönheit. Sie ist klein, mit Rundungen an Hüften und Po, kurzen Haaren, Piercings in Nase und Augenbrauen sowie Tattoos an den Armen. Vielleicht hat sie noch mehr davon, aber das entzieht sich aktuell seiner Kenntnis, da er sie zu seinem Bedauern noch nicht nackt gesehen hat. Eigentlich mag er keine Tattoos und Piercings. Aber zu ihr passen sie. Sie unterstreichen ihre Persönlichkeit. Und jetzt liegt sie hier. Unter ihm.

Sein Kopfkino lief schon in der Bar, in der er sie entdeckte, auf Hochtouren, und nun scheitert das die Umsetzung am fehlenden Kondom oder präziser, an den fehlenden Kondomen. Mehrzahl. Denn er glaubt nicht, dass eines reicht. Er hat zu viel vor mit ihr.

„Kann ich dich ein paar Minuten hier alleine lassen? Dann kann ich Kondome besorgen. Danach besorge ich es dir.“ Echt jetzt? Kann er sich noch peinlicher artikulieren? „Aus welchem Groschenroman bist denn du entsprungen?“ Sie kann sich kaum mehr halten vor Lachen und prustet nicht sehr damenhaft los. Er rollt sich über sie hinweg bis er neben ihr auf dem Rücken liegt. Mit seinem Arm verdeckt er aus Scham seine Augen. Als sie von ihrem Lachanfall erholt hat, stützt sie sich auf ihren Ellenbogen und schaut ihn an.

„An dir ist definitiv ein Poet verloren gegangen.“ Sie lächelt. „Hol die Kondome. Ich warte hier auf dich und verzehre mich nach deinen Berührungen.“ Schon wieder prustet sie los. Er nimmt den Arm von seinen Augen und stimmt in ihr Lachen ein. Dann steht er auf, zieht sie zu sich und gibt ihr einen innigen Kuss. Als er sie loslässt, ist ihr Blick verklärt, ihre Lippen leicht geöffnet und ihr Atem geht schwer. „Beeil dich!“ ist noch alles, was er hört, bevor er das Schlafzimmer verlässt.

Als er auf der Strasse steht, wird ihm erst bewusst, dass er keine Ahnung hat, wo er um diese unchristliche Zeit noch Kondome herbekommen soll. Wie ferngesteuert bewegt er sich in Richtung Bahnhof. Vielleicht hat ja die Apotheke dort einen 24-Stunden-Betrieb. Im Innersten weiss er, dass dem nicht so ist. Aber er braucht einen Plan. Immer wieder schweifen seine Gedanken zu dem sündigen Körper, der sich in seinem Bett befindet, zurück. Selten hat ihn eine Frau dermassen angemacht. Alles an ihr schien in seinen Augen perfekt. So sollte er definitiv nicht denken. Sie ist ein One-Night-Stand. Mehr nicht. Er kennt sie ja kaum.

Beim Bahnhof angekommen blickt er in ein dunkles Schaufenster, in dem er sich spiegelt. Er sieht allerdings nur die pure Verzweiflung, die ihn umgibt. Dann müssen halt seine und ihre Hand und Finger reichen. Sein eigener Aufmunterungsversuch gelingt ihm nicht überzeugend. Als er sich umdreht und sich wieder auf den Heimweg begeben will, erblickt er den Selecta-Automaten. Von weitem sieht er die Kondome. Sie leuchten in regelrecht an. Schnellen Schrittes geht er zum Automaten, und er hätte vor Erleichterung beinahe ein paar Tränen vergossen. Er reisst sich zusammen und zieht seine Geldbörse aus der rechten Gesässtasche. Innerlich betend, dass er sechs Franken in Münzen hat, schaut er im Münzfach nach. Schon wieder drohen die Tränen der Erleichterung überhand zu nehmen. Mit zitternden Fingern wirft er ein Fünf- und ein Einfrankenstück in den Münzschlitz und drückt die Nummer 37. Langsam wird die Kondompackung zum Abgrund befördert. Ein seliges Lächeln wird auf sein Gesicht gezaubert.

In Windeseile ist er wieder zu Hause. In seinem Zimmer. Sie liegt nun nackt in seinem Bett. Er hätte sich keine bessere Begrüssung wünschen können. Er legt sich zu ihr, und sie lässt seiner Fantasie keinen Spielraum mehr. Und ja, sie hat noch mehr Tattoos, die ihren Körper zieren und ihr Brustwarzen-Piercing lässt ihn trocken schlucken. „Hast du, die Kondome?“ Sie schaut ihn mit grossen, fragenden Augen an. Augen, in denen er sich leicht verlieren kann. „Ja. Die habe ich.“ „Auf was wartest du dann noch? Zieh dich aus und komm zu mir.“. Ihr Körper schmiegt sich warm und weich an ihn. Genau so muss es im Himmel sein.

„Wollen wir dort weitermachen, wo wir aufgehört haben“, fragt er sie flüsternd in ihr Ohr. Dann küsst er sie zärtlich und dennoch fordernd. Ihr Stöhnen an seinem Mund ist ihm Antwort genug. Er greift nach dem Kondom, welches er auf seinem Nachttisch platziert hat, und verliert sich in seiner und ihrer Lust.

Es geht weiter mit den beiden. Der 2. Teil „Der Schwangerschaftstest“ folgt in wenigen Tagen. Stay tuned.

Es würde ja etwas fehlen, wenn ich nicht noch die passende Musik zu Geschichte hätte.

 

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